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Spinat mit Weltuntergang - Deutschlands Geburtenstreik



Volkswagen statt Kinderwagen

Vor etwa zwei Wochen sass Ihr Berichterstatter in einem kleinen Café am Arnimplatz in Berlin, im schicken Viertel Prenzlauer Berg. Die Tür öffnete sich, und fünf junge Frauen kamen herein, mit zusammen vier Babys. Sie nahmen einen Tisch und unterhielten sich, tranken Kaffee und versorgten ihre Säuglinge. Vom Tonfall her waren alle fünf Damen Ostberlinerinnen.

Der Prenzlauer Berg hat die höchste Geburtenrate in Deutschland, gefolgt vom Glockenbachviertel in München und anderen, jugendbewegten Grosstadtbezirken. Kündigt sich hier, unter den Trendsettern, eine neue Mode an? Die Mode Kind?

Wohl kaum. Bislang ist es nur die Ballung junger Leute mit guten Einkommen in diesen kleinen Vierteln, die die Geburtenraten steigert. Also kein Trend, auf den man bauen könnte. Deutschland pflegt weiterhin den Geburtenstreik.

Warum eigentlich? Der Zusammenbruch der Geburtenraten in den neuen Ländern nach dem Mauerfall ist lehrreich. An sich hätte die Befreiung von einem Unterdrücker-Regime, der Anschluss an die Welt, die Hoffnung auf ein Ende der Armut einen Geburtenboom auslösen müssen, wie man ihn von Kriegsenden kennt.

Das Gegenteil trat ein. Die Geburtenrate halbierte sich in der Ex-DDR. Das lag nicht an der Pille, denn die gab es schon lange.

Es lag wohl, so darf man annehmen, an der allgemeinen Verunsicherung. Die Ankunft der Westwirtschaft mit ihrem Wettbewerb und ihrer Härte; die Ent-Industrialisierung und im Gefolge die Massenarbeitslosigkeit, das Gefühl der Zweitrangigkeit und Unterqualifikation. All das hat die Ostdeutschen tief verunsichert. Sie reagierten, indem sie ihre Kinderwünsche vielleicht garnicht verringerten, sondern nur aufschoben. Ein Jährchen, und noch ein Jährchen... Das mittlere Heiratsalter stieg, die beruflichen Ansprüche stiegen auch, und bei vielen war es dann wohl auch biologisch zu spät.

Ausserdem verschob sich die Struktur des Konsums. Ein Auto, eine Flugreise ans Mittelmeer, wurden billig. Ein Kind hingegen wurde teuer. Es galt nun, hunderttausend Mark oder hunderttausend Euro in die Aufzucht eines Kindes zu investieren das einst, in DDR-Zeiten, kein gravierender Kostenfaktor gewesen war. Was ehedem selbstverständlich war, wurde zum Luxus, und was früher Luxus war, wurde nun selbstverständlich. Die Wahl Volkswagen statt Kinderwagen bedeutete eine durchaus vernünftige wirtschaftliche Anpassungsstrategie.

So verständlich also der demographische Erdrutsch in der ehemaligen DDR ist, hilft er doch nicht, die hartnäckige Baby-Baisse in Westdeutschland zu erklären. Oder doch? Auch Westdeutschland ist tief verunsichert.

Ein umsichtiger Kollaps

Als klar wurde, dass der Westen als Lokomotive zu schwach ist, um den Osten auf Westniveau zu schleppen, starb der Optimismus der Nachwendezeit. Die bleiernen Jahre der wirtschaftlichen Stagnation des nunmehr gesamten Deutschlands raubten den Westdeutschen zunehmend den Nerv und den Schlaf. Steigende Arbeitslosigkeit, Abbau des Sozialstaats und Auszehrung der Rentenversicherung sind ein paar Stichworte.

Dazu gesellte sich das traditionelle Malaise der Westdeutschen: Angst vor Umweltverseuchung, Angst vor vergifteten Lebensmitteln, Angst vor Klimawandel, Angst vor dem Ölschock, Angst vor Globalisierung, Angst vor Überfremdung. Dazu die Angst vor einem ewigen Mühlstein Ostdeutschland, der dem Westen am Hals hängt. Und bei vielen das Gefühl, einer Serie unfähiger Regierungen ausgeliefert zu sein.

Keine Frage: der Deutsche, auf der Couch des Psychotherapeuten liegend, bietet ein jämmerliches Bild, jämmerlicher jedenfalls als seine Nachbarn. Vielleicht auch, weil die Deutschen, ausser einst dem Stolz auf das verblichene Wirtschaftswunder, keine nationale Substanz besitzen. Keine grande nation der Franzosen, kein wir werden uns schon durchwursteln-Credo der Italiener, keine stiff upper lip der Briten. Wenn die Wirtschaft nicht mehr funktioniert, kollabieren Nationalgefühl und Zuversicht der Deutschen.

Selbst dieser Kollaps vollzieht sich auf typisch deutsche Weise, nämlich umsichtig und gründlich. Im Angesicht der Misere frech zu lügen, wie es einige südliche Regierungen und ihre Medien fabelhaft können, ist deutschen Politikern nicht gegeben. Ausserdem hängen sie an der Kandare unabhängiger Medien.

Überhaupt die Medien. Die deutschen Medien sind leider gut. Sie lieben die Dokumentation, die kritische Analyse. Sie knallen dem Publikum die Fakten erbarmungslos ins Abendessen. Berliner Weisse mit Ölpreissteigerung. Spinat mit Weltuntergang. Kohlrouladen und Artensterben. Apfelküchle mit Welthunger. Tiramisu mit Terrorismus. Ja, kann man denn in diese Welt noch Kinder setzen? Ist das nicht hochgradig unverantwortlich?

Es gab in der Wissenschaft von der Demographie einst die Elektrizitätstheorie, die besagte, dass die Geburtlichkeit sinkt, wo der elektrische Strom eingeführt wird, weil die Leute an den langen Abenden besseres tun können als im Bett zu kuscheln.

Man könnte diesen Ansatz modernisieren zu einer Fernsehtheorie. Wo die Leute deutsches Fernsehen schauen, sind sie so deprimiert, dass ihnen der Wunsch nach Kindern vergeht.

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—— Benedikt Brenner